{"id":10433,"date":"2021-11-05T07:00:00","date_gmt":"2021-11-05T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.etl.de\/aktuelles\/rueckwaerts-aus-der-parkluecke-bei-kollision-gilt-nicht-immer-die-50ige-haftungsquote\/"},"modified":"2026-01-29T16:21:24","modified_gmt":"2026-01-29T15:21:24","slug":"rueckwaerts-aus-der-parkluecke-bei-kollision-gilt-nicht-immer-die-50ige-haftungsquote","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/?p=10433","title":{"rendered":"R\u00fcckw\u00e4rts aus der Parkl\u00fccke: Bei Kollisionen gilt nicht immer die 50%ige Haftungsquote!"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Situation ist eine der h\u00e4ufigsten Unfallkonstellationen: Zwei Fahrzeuge parken r\u00fcckw\u00e4rts aus gegen\u00fcberliegenden Parkbuchten aus und kollidieren. Spontan meint jeder, dass die Beteiligten zu gleichen Teilen haften und der Schaden zu teilen ist. Doch so einfach ist das nicht, wie der Bundesgerichtshof (BGH) bereits 2015 (Urt. v.15.12.2015, <a href=\"http:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;az=VI%20ZR%206\/15&amp;nr=73620\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Az. VI ZR 6\/15<\/a>) feststellte.<br>Standardm\u00e4\u00dfig wird argumentiert, dass ein beiderseitiger Versto\u00df gegen identische Sorgfaltspflichten grunds\u00e4tzlich eine Haftungsquote von 50 % begr\u00fcndet. Eine h\u00f6here Quote komme nur in Betracht, wenn einer der Unfallbeteiligten nachweisen kann, dass er bereits l\u00e4ngere Zeit gestanden hat. Im vorliegenden Fall stand fest, dass vor der Kollision ein Fahrzeugf\u00fchrer r\u00fcckw\u00e4rts gefahren ist. Es konnte aber nicht ausgeschlossen werden, dass ein Fahrzeug im Kollisionszeitpunkt bereits stand, als der andere &#8211; r\u00fcckw\u00e4rtsfahrende &#8211; Unfallbeteiligte mit seinem Fahrzeug in das Fahrzeug hineingefahren ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der erste Anschein z\u00e4hlt!<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Gegen den R\u00fcckw\u00e4rtsfahrenden spricht zun\u00e4chst der erste Anschein daf\u00fcr, dass er allein den Unfall verschuldet hat. Denn das R\u00fcckw\u00e4rtsfahren stellt einen \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrlichen Fahrvorgang dar. Der R\u00fcckw\u00e4rtsfahrende wird dabei verpflichtet, alles zu vermeiden, was andere Verkehrsteilnehmer oder Sachen gef\u00e4hrdet oder gar sch\u00e4digt. Bei Parkplatzunf\u00e4llen spricht daher regelm\u00e4\u00dfig ein allgemeiner Erfahrungssatz daf\u00fcr, <em>&#8220;dass der R\u00fcckw\u00e4rtsfahrende seiner Sorgfaltspflicht nach \u00a7 1 StVO in Verbindung mit der Wertung des <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/stvo_2013\/__9.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00a7 9 Abs. 5 StVO<\/a> nicht nachgekommen ist und den Unfall dadurch (mit)verursacht hat&#8221; <\/em>BGH, Urt. v. 11.10.2016, <a href=\"http:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;nr=77011&amp;pos=0&amp;anz=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Az. VI ZR 66\/16<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Liegen Besonderheiten vor<\/strong>?<\/h2>\n\n\n\n<p>Der erste Anschein reicht allerdings nicht, wenn weitere Umst\u00e4nde vorliegen, die untypisch nach der Lebenserfahrung bei solchen Fallgestaltungen eines Unfalls sind.<br>So meinten die Richter am BGH, dass es untypisch sei, wenn<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>zwar feststeht, dass vor der Kollision ein Fahrzeugf\u00fchrer r\u00fcckw\u00e4rts gefahren ist,<\/li>\n\n\n\n<li>aber nicht ausgeschlossen werden k\u00f6nne, dass sein Fahrzeug im Kollisionszeitpunkt bereits stand, als der andere Unfallbeteiligte mit seinem Fahrzeug in das stehende Fahrzeug hineingefahren ist (s.a. AG Hamburg, v. 07.07.2021, <a href=\"https:\/\/files.vogel.de\/infodienste\/smfiledata\/1\/7\/4\/3\/4\/9\/225053.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Az. 26 C 422\/19<\/a>) .<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Vielmehr gebe es keinen allgemeinen Erfahrungssatz, wonach sich der Schluss aufdr\u00e4ngt, dass auch der Fahrzeugf\u00fchrer, der sein Fahrzeug vor der Kollision auf dem Parkplatz zum Stillstand gebracht hat, die ihn treffenden Sorgfaltspflichten verletzt hat. Nur dann k\u00f6nnen aber die aus einem typischen Geschehen folgenden Schl\u00fcsse auf ein Verschulden des Fahrzeugf\u00fchrers Anwendung finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der BGH bewertet damit auch die besondere Situation auf Parkpl\u00e4tzen. Hier m\u00fcssen Verkehrsteilnehmer jederzeit damit rechnen, dass r\u00fcckw\u00e4rtsfahrende oder ein- und ausparkende Fahrzeuge ihren Verkehrsfluss st\u00f6ren. Sie m\u00fcssen daher von vornherein mit geringer Geschwindigkeit und bremsbereit fahren, um jederzeit anhalten zu k\u00f6nnen. Kommt der Fahrer beim R\u00fcckw\u00e4rtsfahren vor einer Kollision zum Stehen, gen\u00fcgte er damit seiner Pflicht zum jederzeitigen Anhalten. Somit bleibt f\u00fcr den <a rel=\"noopener\" href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/anscheinsbeweis\" target=\"_blank\">Anscheinsbeweis<\/a> f\u00fcr ein Verschulden des R\u00fcckw\u00e4rtsfahrenden kein Raum. Der Umstand, wonach ein sorgfaltswidriges Verhalten des Gesch\u00e4digten &#8211; sofern es nicht unstreitig gegeben ist &#8211; positiv festgestellt werden muss (BGH, Urt. v. 26.01.2016<a rel=\"noopener\" href=\"http:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;nr=73717&amp;pos=0&amp;anz=1\" target=\"_blank\">, Az. VI ZR 179\/15<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><br><strong>\u00dcbrigens<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Einem Urteil des OLG Saarbr\u00fccken zufolge (<a href=\"https:\/\/recht.saarland.de\/bssl\/document\/KORE228212020\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Az. 4 U 6\/20<\/a> v. 13.08.2020), ist auf das R\u00fcckw\u00e4rtsfahren nicht <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/stvo_2013\/__9.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00a7 9 Abs. 5 StVO<\/a>, sondern <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/stvo_2013\/__10.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00a7 10 Satz 1 StVO<\/a> anzuwenden. Begr\u00fcndet hat es dies damit, dass &nbsp;<a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/stvo_2013\/__9.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00a7 9 StVO<\/a> nur f\u00fcr Verkehrsvorg\u00e4nge anwendbar sei, die auf Stra\u00dfen stattfinden und nicht auf das Einfahren auf eine Stra\u00dfe von einem Parkplatz.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Siehe auch:&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/aktuelles\/12525\">Vorsicht im Parkhaus!<\/a><br><a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/aktuelles\/rechts-vor-links-im-parkhaus\">Rechts vor links im Parkhaus?<\/a><br>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Bildnachweis: Pixabay \/ Jan2575<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Fahrzeuge parken r\u00fcckw\u00e4rts aus gegen\u00fcberliegenden Parkbuchten aus und kollidieren. Spontan meint jeder, dass die Beteiligten zu gleichen Teilen haften und der Schaden zu teilen ist. 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