{"id":22693,"date":"2021-06-14T06:00:33","date_gmt":"2021-06-14T04:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.etl.de\/?post_type=aktuelles&#038;p=22693"},"modified":"2022-11-11T11:09:10","modified_gmt":"2022-11-11T11:09:10","slug":"versicherer-muessen-sich-am-geschaedigten-orientieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/?p=22693","title":{"rendered":"Versicherer m\u00fcssen sich am Gesch\u00e4digten orientieren!"},"content":{"rendered":"\n<p><a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/bgb\/__249.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00a7 249 Abs. 1 BGB<\/a> verpflichtet den Sch\u00e4diger &#8211; z.B. nach einem Verkehrsunfall &#8211; &nbsp;dazu, den Gesch\u00e4digten so zu stellen, als h\u00e4tte das sch\u00e4digende Ereignis nicht stattgefunden. &nbsp;Der Gesch\u00e4digte darf das Auto also reparieren lassen, sich zur Ermittlung des Schadens eines <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/sachverstaendiger\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sachverst\u00e4ndigen<\/a> bedienen und, damit z.B. der Versicherer seine Rechte nicht in unzul\u00e4ssiger Weise beschneidet, einen Anwalt nehmen. Im Zentrum der Rechte des Gesch\u00e4digten steht dabei der Begriff der subjektbezogenen Schadenbetrachtung. Was das genau bedeutet, damit hat sich unter anderem das AG Kassel in seinem Urteil vom 14.04.2021, <a href=\"https:\/\/www.rv.hessenrecht.hessen.de\/bshe\/document\/LARE210000877\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Az. 435 C 449\/21<\/a> ausf\u00fchrlich befasst.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was ist zu ersetzen?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Der Umfang des Ersatzes richtet sich aber nicht nur nach Art und Ausma\u00df des Schadens und dem sich daraus ergebenden Reparaturaufwand oder den \u00f6rtlichen und zeitlichen Gegebenheiten, sondern auch nach den Erkenntnis- und Einflussm\u00f6glichkeiten des Gesch\u00e4digten.<br>Als Zwischenergebnis l\u00e4sst sich festhalten, dass Reparaturkosten daher nicht nach \u201eSchema F\u201c oder designten Pr\u00fcfberichten, sondern so zu erstatten sind, wie <em>sie \u201evom Standpunkt eines verst\u00e4ndigen, wirtschaftlich denkenden Menschen in der Lage des Gesch\u00e4digten zur Behebung des Schadens als erforderlich im Sinne von zweckm\u00e4\u00dfig und angemessen erscheinen\u201c<\/em> (vgl.&nbsp; BGH, Urt. v. 15.02.2005, <a href=\"http:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;nr=32006&amp;pos=0&amp;anz=1\">Az. VI ZR 70\/04<\/a>; Urt. v. 12.10.2004, <a href=\"http:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;nr=31072&amp;pos=0&amp;anz=1\">Az.&nbsp; VI ZR 151\/03<\/a>; Urt. v. 15.10.1991, <a href=\"https:\/\/www.iww.de\/quellenmaterial\/id\/40926\">Az. VI ZR 314\/90<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wie weit geht der Ersatzanspruch?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Aber so wenig wie Pr\u00fcfberichte die Kosten ad libitum nach unten korrigieren d\u00fcrfen, darf ein Gesch\u00e4digter nicht ohne R\u00fccksicht auf die Kosten frei drauf los reparieren (lassen). Wo er die H\u00f6he der f\u00fcr die Schadensbeseitigung aufzuwendenden Kosten beeinflussen kann, muss er das Wirtschaftlichkeitsgebot beachten und im Rahmen des ihm Zumutbaren, den wirtschaftlicheren Weg der Schadensbehebung zu w\u00e4hlen (BGH, Urt. v. 09.03.2010, <a href=\"http:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;nr=52195&amp;pos=0&amp;anz=1\">Az. VI ZR 6\/09<\/a>) Dass der H\u00f6he einer Reparaturkostenrechnung regelm\u00e4\u00dfig Grenzen gesetzt sind leuchtet schon in Hinblick auf die <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/schadenminderungspflicht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Pflicht zur Schadensminderung<\/a> im Sinne des <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/bgb\/__254.html\">\u00a7&nbsp;254&nbsp;BGB<\/a>, mehr als ein. So weit, dass der Gesch\u00e4digte zu Gunsten des Sch\u00e4digers sparen oder sich in jedem Fall so verhalten muss, als ob er den Schaden selbst zu tragen h\u00e4tte (BGH, Urt. v. 15.10.1991, <a href=\"https:\/\/research.wolterskluwer-online.de\/document\/09662559-4600-4c20-965e-b4b5a10367d8\">Az. VI ZR 314\/90<\/a>), geht die Pflicht dann aber doch nicht.<br>Schlie\u00dflich kann von keinem Gesch\u00e4digte erwartet werden, dass er sich selber schlechter stellt, indem er zu Gunsten des Sch\u00e4digers Verzicht \u00fcbt oder \u00fcberobligatorische Anstrengungen unternimmt, wie er es z.B. bei einem Eigenschaden getan h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was gilt f\u00fcr die Feststellung des Schadens?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Was die Feststellung des Schadens betrifft, sind nicht nur neutrale objektive Kriterien ma\u00dfgeblich, sondern auch die, in der Person des Gesch\u00e4digten begr\u00fcndeten,&nbsp; subjektbezogenen Aspekte BGH&nbsp;Urt. v. 17.03.1992, <a href=\"https:\/\/research.wolterskluwer-online.de\/document\/f3b82f12-931d-4775-ac45-b1c0e20aa009\">Az. VI ZR 226\/91<\/a>; Urt. v. 15.10.1991, <a href=\"https:\/\/research.wolterskluwer-online.de\/document\/09662559-4600-4c20-965e-b4b5a10367d8\">Az. VI ZR 314\/90<\/a>; Urt. v. 26.05.1970, <a href=\"https:\/\/research.wolterskluwer-online.de\/document\/8a9ca003-3bc9-4c9b-ac0a-0d10e8a2bab1\">Az. VI ZR 168\/68<\/a><br>Im Detail ist der erforderliche Herstellungsaufwand also mit R\u00fccksicht auf die spezielle Situation des Gesch\u00e4digten, insbesondere auf seine individuellen Erkenntnis- und Einflussm\u00f6glichkeiten sowie auf die m\u00f6glicherweise gerade f\u00fcr ihn bestehenden Schwierigkeiten zu ermitteln (vgl. BGH, Urt. v. 12.07.2005, <a href=\"http:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;nr=34103&amp;pos=0&amp;anz=1\">Az. VI ZR 132\/04<\/a>; v. 29.04.2003, <a href=\"http:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;nr=26231&amp;pos=0&amp;anz=1\">Az. VI ZR 398\/02<\/a> ; v. 07.05.1996, <a href=\"https:\/\/research.wolterskluwer-online.de\/document\/86c2ec09-3fbc-46f8-ab7f-c2628d583dbf\">Az. VI ZR 138\/95;<\/a> v. 15.10.1991, <a href=\"https:\/\/www.iww.de\/quellenmaterial\/id\/40926\">Az. VI ZR 314\/90<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Gesch\u00e4digte sind nicht auf sich allein gestellt!<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Und da Gesch\u00e4digte nun einmal nur im Ausnahmefall \u00fcber das erforderliche Fachwissen verf\u00fcgen, d\u00fcrfen sie zur zutreffenden Ermittlung des Schadens Fachleute, d.h. Sachverst\u00e4ndige heranziehen (vgl. BGH, Urt. v. 29.10.1974, Az. VI ZR 42\/73). Der Sachverst\u00e4ndige, den der Gesch\u00e4digte \u00fcbrigens frei w\u00e4hlen darf, hat dann den Schaden zu begutachten, die erforderlichen Schritte zur Instandsetzung zu ermitteln und deren Kosten zu kalkulieren und schriftlich niederzulegen. Die so ermittelten Reparaturkosten, darf der Gesch\u00e4digte als zweckm\u00e4\u00dfig und angemessen betrachten (vgl. BGH, Urt. v. 15.02.2005, <a href=\"http:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;nr=32006&amp;pos=0&amp;anz=1\">Az. VI ZR 70\/04<\/a>; 12.10.2004, <a href=\"http:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;nr=31072&amp;pos=0&amp;anz=1\">Az. VI ZR 151\/03<\/a>; v. 15.10.1991, Az. <a href=\"https:\/\/research.wolterskluwer-online.de\/document\/09662559-4600-4c20-965e-b4b5a10367d8\">VI ZR 314\/90<\/a>)&nbsp; und die Werkstatt seiner Wahl mit der Instandsetzung gem\u00e4\u00df Gutachten beauftragen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Prognose- und Werkstattrisiko gehen zu Lasten des Sch\u00e4digers<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Sollte sich w\u00e4hrend der Reparatur herausstellen, dass weitere unfallbedingte Instandsetzungsarbeiten erforderlich sind, geht dieses <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/prognoserisiko\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Prognoserisiko<\/a>&nbsp; zu Lasten des Sch\u00e4digers.<br>Dies gilt auch f\u00fcr das <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/werkstattrisiko\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Werkstattrisiko<\/a>, wenn unn\u00f6tige Arbeiten, \u00fcberh\u00f6hte Preise oder Arbeitszeiten der Berechnung von Arbeiten erfolgen, die nicht oder in nicht entsprechend den Vorgaben des Gutachtens ausgef\u00fchrt worden sind. Denn \u201es<em>obald der Gesch\u00e4digte das verunfallte Fahrzeug der Reparaturwerkstatt zwecks Reparatur \u00fcbergeben hat, hat er letztlich keinen Einfluss mehr darauf, ob und inwieweit sodann unn\u00f6tige oder \u00fcberteuerte Ma\u00dfnahmen vorgenommen werden.\u201c <\/em>Wenn dies zu seinen Lasten ginge, w\u00fcrde er einen Teil seiner aufgewendeten Kosten nicht ersetzt bekommen (vgl. AG Neuss, Urt. v. 09.08.2016, <a href=\"http:\/\/www.justiz.nrw.de\/nrwe\/lgs\/duesseldorf\/ag_neuss\/j2016\/77_C_1425_16_Urteil_20160809.html\">Az. 77 C 1425\/16<\/a>, m.w.N.).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Gesch\u00e4digte sind von externen Risiken frei zu halten!<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich ist kein Grund daf\u00fcr ersichtlich, dem Sch\u00e4diger das Risiko f\u00fcr ein solches Verhalten abzunehmen. Denn, so bringt es das AG Kassel zutreffend auf den Punkt, \u201e<em>h\u00e4tte der Sch\u00e4diger selbst die Schadensbeseitigung \u00fcbernommen, h\u00e4tte er sich in gleichem Ma\u00dfe mit einem entsprechenden Verhalten des Reparaturbetriebes auseinandersetzen m\u00fcssen. Folglich ist kein anerkennenswerter Grund ersichtlich, der es erm\u00f6glichen kann, diese Auseinandersetzung, die der Sch\u00e4diger aufgrund seiner Verantwortung f\u00fcr das Schadensereignis zu f\u00fchren hat, auf den insoweit verursachungsbeitragslosen Gesch\u00e4digten abzuw\u00e4lzen.\u201c<\/em><br>Dem ist vollumf\u00e4nglich zuzustimmen. Denn abgesehen davon, dass redliche Unfallopfer sich nicht freiwillig in die Rolle des Gesch\u00e4digten begeben, w\u00fcrde es dem Sinn und Zweck des <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/bgb\/__249.html\">\u00a7&nbsp;249 BGB<\/a> widersprechen, <em>\u201ewenn der Gesch\u00e4digte bei der Wiederherstellung des vorherigen Zustandes im Verh\u00e4ltnis zum ersatzpflichtigen Sch\u00e4diger mit Mehraufwendungen der Schadensbeseitigung belastet bliebe, deren Entstehung seinem Einfluss entzogen und die ihren Grund darin haben, dass die Schadensbeseitigung in einer fremden, vom Gesch\u00e4digten nicht mehr kontrollierbaren Einflusssph\u00e4re stattfinden muss\u201c<\/em> (BGH, Urt. v. 29.10.1974, Az. VI ZR 42\/73).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zusammenfassung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Der Sinn und Zweck des \u00a7&nbsp;<a href=\"http:\/\/dejure.org\/gesetze\/BGB\/249.html\">249<\/a>&nbsp;Abs.&nbsp;2 S.&nbsp;1 BGB besteht darin, dass dem Gesch\u00e4digten bei voller Haftung des Sch\u00e4digers ein m\u00f6glichst vollst\u00e4ndiger Schadensausgleich zukommen soll. Bei der Pr\u00fcfung, ob der Gesch\u00e4digte den Aufwand zur Schadensbeseitigung in vern\u00fcnftigen Grenzen gehalten hat, ist daher sowohl R\u00fccksicht auf die spezielle Situation des Gesch\u00e4digten als auch seine individuellen Erkenntnis- und Einflussm\u00f6glichkeiten sowie auf die m\u00f6glicherweise gerade f\u00fcr ihn bestehenden Schwierigkeiten zu nehmen (BGH, Urt. v. 15.10.1991, <a href=\"https:\/\/research.wolterskluwer-online.de\/document\/09662559-4600-4c20-965e-b4b5a10367d8\">Az. VI ZR 314\/90<\/a>, v. 15.10.1991, <a href=\"https:\/\/www.iww.de\/quellenmaterial\/id\/47138\">Az. VI ZR 67\/91<\/a>).<br><\/p>\n\n\n\n<p><small class=\"small\">Bildnachweis: Pixabay\/Tumisu<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a7 249 Abs. 1 BGB verpflichtet den Sch\u00e4diger &#8211; z.B. nach einem Verkehrsunfall &#8211;  dazu, den Gesch\u00e4digten so zu stellen, als h\u00e4tte das sch\u00e4digende Ereignis nicht stattgefunden. Im Zentrum steht dabei der Begriff der subjektbezogenen Schadenbetrachtung. 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