{"id":24613,"date":"2021-08-12T09:00:09","date_gmt":"2021-08-12T07:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.etl.de\/?post_type=aktuelles&#038;p=24613"},"modified":"2024-06-20T09:15:04","modified_gmt":"2024-06-20T07:15:04","slug":"das-bundesverfassungsgericht-stellt-klar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/?p=24613","title":{"rendered":"Das Bundesverfassungsgericht stellt klar:"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer mit dem Gesetz in Konflikt ger\u00e4t, z.B., weil er die zugelassene H\u00f6chstgeschwindigkeit \u00fcberschritten hat, ist dem Verfahren nicht hilflos ausgeliefert. Insbesondere hat er einen Anspruch auf die Durchf\u00fchrung eines fairen Verfahrens.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was bedeutet &#8220;Recht auf ein faires Verfahren&#8221;?<\/h2>\n\n\n\n<p>Was dies bedeutet, hat das&nbsp; Bundesverfassungsgericht mit einer Entscheidung vom 04.05.2021 (<a href=\"https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Downloads\/DE\/2021\/05\/rk20210504_2bvr027719.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\">Az. 2 BvR 277\/19<\/a>) konkretisiert, nachdem es kurz zuvor schon das Th\u00fcringer Oberlandesgericht es in seinem Beschluss vom 17. M\u00e4rz 2021,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.iww.de\/quellenmaterial\/id\/221442\">Az. 1 OLG 331 SsBs 23\/20<\/a>, treffend auf den Punkt gebracht hatte:<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Auffassung des Th\u00fcringer Oberlandesgerichts z\u00e4hlt das\u00a0<em>\u201eDas Recht auf ein faires Verfahren \u2026 zu den wesentlichen Grunds\u00e4tzen eines rechtsstaatlichen Verfahrens. In ihm darf der Betroffene nicht blo\u00dfes Verfahrensobjekt sein; ihm muss vielmehr die M\u00f6glichkeit gegeben werden, zur Wahrung seiner Rechte auf den Gang und das Ergebnis des Verfahrens Einfluss zu nehmen. Das Gebot fairer Verfahrensf\u00fchrung soll dabei gew\u00e4hrleisten, dass der Betroffene seine prozessualen Rechte und M\u00f6glichkeiten mit der erforderlichen Sachkunde selbst\u00e4ndig wahrnehmen und \u00dcbergriffe staatlicher Stellen oder anderer Verfahrensbeteiligter angemessen abwehren kann. Als aus\u00a0<a href=\"http:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/gg\/art_2.html\">Art. 2 Abs. 1 GG<\/a>\u00a0i. V. m. dem Rechtsstaatsprinzip resultierendes Prozessgrundrecht steht es dem Betroffenen im\u00a0<a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/ordnungswidrigkeitenrecht\/owi-verfahren\">Ordnungswidrigkeitenverfahren<\/a>\u00a0ebenso zu wie dem Beschuldigten im Strafverfahren (vgl. BVerfG, Beschl. v. 19.03.1992,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/2005\/02\/rk20050222_2bvr010905.html\">Az. 2 BvR 1\/91<\/a>) und wendet sich nicht nur an die Gerichte, sondern auch an die Exekutive, soweit diese sich rechtlich gehalten sieht, bestimmte Beweismittel nicht freizugeben (BVerfG, Beschl. v. 26.05.1981,\u00a0<a href=\"https:\/\/openjur.de\/u\/189138.html\">Az.\u00a0<\/a><a href=\"https:\/\/openjur.de\/u\/189138.html\">2 BvR 215\/81<\/a>; OLG Karlsruhe, Beschl. v. 16.07.2019,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.iww.de\/quellenmaterial\/id\/210869\">Az. 1 Rb 10 Ss 291\/19<\/a>).\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Betroffene haben ein Recht auf entscheidungserhebliche Inhalte!<\/h2>\n\n\n\n<p>Aus dem Recht auf ein faires Verfahren folgt zudem, dass ein Betroffener grunds\u00e4tzlich auch Anspruch auf Zugang zu solchen Inhalten hat, die zu Ermittlungszwecken, aber nicht zur Akte genommen wurden, obgleich sie bei der Bu\u00dfgeldbeh\u00f6rde vorhanden sind (vgl. z.B. LG Hagen, Beschl. v. 30.09.2021, <a href=\"https:\/\/www.justiz.nrw.de\/nrwe\/lgs\/hagen\/lg_hagen\/j2021\/46_Qs_59_21_Beschluss_20210930.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. 46 Qs 59\/21<\/a>; LG W\u00fcrzburg, Beschl.\u00a0 v. 29.12.2020, Az. 1 Qs. 253\/20). Deutlich wird dies immer wieder, wenn es in einem Bu\u00dfgeldverfahren um die Herausgabe der\u00a0<a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/verkehr-und-recht\/rohmessdaten\">Rohmessdaten<\/a>\u00a0an den Betroffenen geht. So hat z.B. das AG Leverkusen (Beschl. v. 08.02.2021, <a href=\"https:\/\/www.justiz.nrw.de\/nrwe\/lgs\/koeln\/ag_leverkusen\/j2021\/55_OWi_120_21_b_Beschluss_20210208.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. 55 OWi 120\/21<\/a>) einer Betroffenen ein Recht auf Einsicht in die komplette Messreihe einer Geschwindigkeitsmessung vom Tattag zugesprochen und dies \u2013 auch beim standardisierten Messverfahren \u2013 mit dem Gebot des fairen Verfahrens begr\u00fcndet, \u201e<em>welches sich wiederum aus dem Rechtsstaatsprinzip (<a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/gg\/art_20.html\">Art. 20 Abs. 3 GG<\/a>) i.V.m.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/gg\/art_2.html\">Art. 2 Abs. 1 GG<\/a>\u00a0ableitet und zudem in\u00a0<a href=\"https:\/\/europarecht.jura.uni-leipzig.de\/download\/0\/0\/1898288294\/545f2e133fea95c5d28714615d4b8a0e4b7f3088\/fileadmin\/europarecht.jura.uni-leipzig.de\/uploads\/dokumente\/Wintersemester_2019_20\/EMRK\/Arbbl11_Art.6.pdf\">Art. 6 EMRK<\/a>\u00a0statuiert ist<\/em>.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das Bundesverfassungsgericht macht eine klare Ansage!<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Nachdem sich das Bundesverfassungsgericht mit den Entscheidungen des Amtsgerichts Rosenheim vom 28.05.2018, Az. 5 OWi 410 Js 799\/18 und des OLG Bamberg vom 23.11.2018,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.gesetze-bayern.de\/Content\/Document\/Y-300-Z-BECKRS-B-2018-N-55933?hl=true\">Az. 2 Ss OWi 1495\/18<\/a>&nbsp;befasst hatte, die dem Betroffenen den Zugang zu au\u00dferhalb der Bu\u00dfgeldakte befindlichen Informationen verwehrt hatten, statuierte es&nbsp;<em>\u201edass aus dem Recht auf ein faires Verfahren f\u00fcr den Beschwerdef\u00fchrer grunds\u00e4tzlich ein Anspruch auf Zugang zu den nicht bei der Bu\u00dfgeldakte befindlichen, aber bei der Bu\u00dfgeldbeh\u00f6rde vorhandenen Informationen folgen kann. Die generelle Versagung des Begehrens des Beschwerdef\u00fchrers auf Informationszugang, welches dieser im fachgerichtlichen Verfahren hinreichend geltend gemacht hat, wird deshalb der aus Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 20 Abs. 3 GG folgenden Gew\u00e4hrleistung nicht gerecht. Entgegen der Annahme der Fachgerichte handelt es sich hierbei auch nicht um eine Frage der gerichtlichen Aufkl\u00e4rungspflicht, sondern der Verteidigungsm\u00f6glichkeiten des Betroffenen.\u201c&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Entscheidung steht in guter Tradition! <\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich hatte das Bundesverfassungsgericht\u00a0 bereits zuvor festgestellt, dass aus dem Recht auf ein faires Verfahren auch ein Anspruch Informationszugang auch zu den nicht zur Bu\u00dfgeldakte genommenen Informationen geh\u00f6rt (z.B. Beschl. v. 12.11.2020, <a href=\"https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Downloads\/DE\/2020\/11\/rk20201112_2bvr161618.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\">Az. 2 BvR 1616\/18<\/a>;\u00a0 v. 28.04.2021,\u00a0\u00a0<a href=\"https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Downloads\/DE\/2021\/04\/rk20210428_2bvr145118.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\">Az. 2 BvR 1451\/18<\/a>). Wenn die Bu\u00dfgeldbeh\u00f6rde die Verteidigung wesentlich erschwert, darf sie sich nicht wundern, wenn das Gericht das Verfolgungsinteresse als stark gemindert einstuft und das Verfahren einstellt.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:10px\">Aktualisiert am 20.06.2024<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer mit dem Gesetz in Konflikt ger\u00e4t, z.B. weil er die zugelassene H\u00f6chstgeschwindigkeit \u00fcberschritten hat, ist dem Verfahren nicht hilflos ausgeliefert. Er hat insbesondere einen Anspruch auf die Durchf\u00fchrung eines fairen Verfahrens! Was das bedeutet, hat das\u00a0 Bundesverfassungsgericht mit seiner Entscheidung vom 04.05.2021 (Az. 2 BvR 277\/19) konkretisiert!<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":41640,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_seopress_robots_primary_cat":"none","_seopress_titles_title":"","_seopress_titles_desc":"","_seopress_robots_index":"","_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"6387,21349,9689,7953,7311,9691","_relevanssi_noindex_reason":"","_uag_custom_page_level_css":"","footnotes":""},"categories":[26],"tags":[952],"class_list":["post-24613","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","tag-faires-verfahren"],"acf":[],"uagb_featured_image_src":{"full":["https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/verdict-g729e705d3_1920.jpg",1920,1080,false],"thumbnail":["https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/verdict-g729e705d3_1920-150x150.jpg",150,150,true],"medium":["https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/verdict-g729e705d3_1920-300x169.jpg",300,169,true],"medium_large":["https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/verdict-g729e705d3_1920-768x432.jpg",768,432,true],"large":["https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/verdict-g729e705d3_1920-1024x576.jpg",1024,576,true],"1536x1536":["https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/verdict-g729e705d3_1920-1536x864.jpg",1536,864,true],"2048x2048":["https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/verdict-g729e705d3_1920.jpg",1920,1080,false]},"uagb_author_info":{"display_name":"fx-admin","author_link":"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/?author=1"},"uagb_comment_info":0,"uagb_excerpt":"Wer mit dem Gesetz in Konflikt ger\u00e4t, z.B. weil er die zugelassene H\u00f6chstgeschwindigkeit \u00fcberschritten hat, ist dem Verfahren nicht hilflos ausgeliefert. 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