{"id":45971,"date":"2024-07-01T06:30:00","date_gmt":"2024-07-01T04:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/?p=45971"},"modified":"2024-06-27T12:47:43","modified_gmt":"2024-06-27T10:47:43","slug":"rechtfertigt-dichtes-auffahren-eine-geschwindigkeitsueberschreitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/?p=45971","title":{"rendered":"Rechtfertigt dichtes Auffahren eine Geschwindigkeits\u00fcberschreitung?"},"content":{"rendered":"\n<p>Der dem Beschluss des Kammergerichts zugrundeliegende Sachverhalt hatte es in sich. Dies lag aber weniger daran, dass <em>\u201edie m\u00f6glicherweise tats\u00e4chlich festgestellte &#8211; aber im Urteil des Amtsgerichts nicht belegte &#8211; Geschwindigkeits\u00fcberschreitung\u201c<\/em> bei einer Gesamtmessstrecke von ca. 1600 Metern auf nicht einmal 200 Metern 38 km\/h betragen haben k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Spektakul\u00e4r war der Abstand zwischen messendem und gemessenem Fahrzeug. Denn das Messfahrzeugs war so nah an das gemessene Fahrzeug herangefahren, <em>\u201edass zwar noch das Kennzeichen, nicht jedoch der untere hintere Karosserieabschluss des Fahrzeugs des Betroffenen\u201c<\/em> erkannt werden konnte. Die Frage war daher, ob das dichte Auffahren des Messfahrzeugs als Rechtfertigungsgrund f\u00fcr die Geschwindigkeits\u00fcberschreitung geeignet war.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Welche Parameter gelten f\u00fcr Messstrecke und Verfolgungsabstand?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Eine Messstrecke soll ausreichend lang, der Abstand des Messfahrzeugs gleichbleibend und der Verfolgungsabstand m\u00f6glichst kurz sein. Welcher Mindestabstand genau einzuhalten ist, insbesondere wie nah an das zu messende Fahrzeug herangefahren werden darf, wird allerdings nicht explizit erl\u00e4utert &#8211; weder in dem hier behandelten Beschluss noch in anderen Entscheidungen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem zur\u00fcckliegenden Beschluss des Kammergerichts hei\u00dft es zwar, die Messtrecke solle bei Geschwindigkeiten ab 100 km\/h nicht k\u00fcrzer als 500 Meter sein und der Verfolgungsabstand bei Geschwindigkeiten von \u00fcber 90 km\/h nicht mehr als 100 Meter betragen (KG Berlin, Beschl. V. 27.10.2014, <a href=\"https:\/\/gesetze.berlin.de\/bsbe\/document\/KORE227162014\/part\/K\">&nbsp;Az. 3 Ws (B) 467\/14 3 Ws (B) 467\/14 \u2013 162 Ss 131\/14<\/a>). Wieviel weniger zul\u00e4ssig ist, dazu schweigt die Entscheidung aber.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Verfolgungsgef\u00fchl kann einen Versto\u00df rechtfertigen oder entschuldigen\u2026<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Das Amtsgericht hatte offenbar angedeutet, die Geschwindigkeits\u00fcberschreitung k\u00f6nnte wegen des dichten Auffahrens des nachfolgenden Polizeifahrzeugs gerechtfertigt oder entschuldigt gewesen sein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u2026muss in einer Entscheidung aber ausdr\u00fccklich ber\u00fccksichtigt und begr\u00fcndet werden!<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Dabei hatte es offenbar aber nur das \u00e4u\u00dfere Geschehen ber\u00fccksichtigt, die subjektive Seite jedoch au\u00dfer Acht gelassen. Es h\u00e4tte jedoch nicht nur das \u00e4u\u00dfere Geschehen als solches ber\u00fccksichtigt, sondern auch die Motivation des Fahrers ermitteln und ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen. Denn selbst wenn ein T\u00e4ter den \u00e4u\u00dferen Tatbestand verwirklicht hat, kann allein daraus noch nicht auf seine Motive geschlossen werden (z.B. OLG Koblenz, Beschl. v. 20.07.2023, Az. 4 ORs 4 Ss16\/23; OLG Zweibr\u00fccken, Beschl. v. 28. 11.2022,\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.landesrecht.rlp.de\/bsrp\/search\" target=\"_blank\">Az. 1 OLG 2 Ss 34\/22<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem, so hat das Kammergericht ausgef\u00fchrt, existiere kein Rechtssatz, demzufolge die Ann\u00e4herung eines nachfolgenden Fahrzeugs eine \u2013 zumal drastische \u2013 Missachtung der zul\u00e4ssigen H\u00f6chstgeschwindigkeit erlaube.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hier lag dann auch die Schwachstelle des Urteils. Denn sollte das Amtsgericht eine Geschwindigkeits\u00fcberschreitung f\u00fcr <em>\u201enicht vorwerfbar\u201c<\/em> gehalten haben, h\u00e4tte es die konkreten Umst\u00e4nde hierf\u00fcr auch in tats\u00e4chlicher Hinsicht darstellen und in rechtlicher Hinsicht einordnen m\u00fcssen. Genau war aber nicht geschehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungl\u00fccklicherweise enth\u00e4lt das Urteil aber keinerlei Ausf\u00fchrungen dazu<em>, \u201ewelche Fahrzeugpositionen sich (an welchen geeigneten Fixpunkten) zu welchen jeweiligen Zeitpunkten aus dem Videoband bzw. den hieraus gefertigten Einzelbildern (die wegen der Einzelheiten der Abbildung \u2013 nicht jedoch hinsichtlich der eingeblendeten Daten \u2013 jeweils einer Bezugnahme gem\u00e4\u00df\u00a0<\/em><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/stpo\/__267.html\" target=\"_blank\"><em>\u00a7\u00a0267 Abs.\u00a01, S.\u00a03 StPO<\/em><\/a><em>\u00a0zug\u00e4nglich sind) ableiten lassen, welche Wegstrecke und f\u00fcr deren Durchfahren ben\u00f6tigte Zeitspanne daraus herzuleiten ist und welche konkrete Geschwindigkeit sich daraus errechnet hat\u201c.\u00a0Das <\/em>Kammergericht hatte das amtsgerichtliche Urteil daher aufzuheben und zur erneuten Verhandlung zur\u00fcckzuverweisen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fazit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Es ist nicht ausgeschlossen, dass ein Verfolgungsgef\u00fchl die \u00dcberschreitung der zul\u00e4ssigen H\u00f6chstgeschwindigkeit durchaus rechtfertigen und entschuldigen kann. Rechtsmittelfest sind derartige Feststellungen aber nur, wenn sie in dem entsprechenden Urteil auch hinreichend ber\u00fccksichtigt und begr\u00fcndet worden sind.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie sind zu schnell gefahren? 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