{"id":56153,"date":"2026-01-23T06:30:00","date_gmt":"2026-01-23T05:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/?p=56153"},"modified":"2026-01-21T09:42:03","modified_gmt":"2026-01-21T08:42:03","slug":"sturz-beim-aussteigen-und-kein-anspruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/?p=56153","title":{"rendered":"Sturz beim Aussteigen \u2013 und kein Anspruch?"},"content":{"rendered":"\n<p>In dem hier zugrundeliegenden Sachverhalt, der sich im November 2023 bei eisigen Temperaturen abgespielt hatte, sollte genau dies eine Rolle spielen. Ein Autofahrer (Kl\u00e4ger) war beim Aussteigen in ein mit Wasser gef\u00fclltes Schlagloch getreten, schmerzhaft umgeknickt und gest\u00fcrzt. Die von ihm verlangte Entsch\u00e4digung in Form von Schmerzensgeld hatte die Gemeinde abgelehnt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Hatte die Gemeinde ihre Amtspflicht verletzt?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Der Autofahrer verfolgte seinen Anspruch jedoch vor Gericht weiter, weshalb dieses die Frage kl\u00e4ren musste, ob der Unfall, der auf die Vertiefung auf dem Seitenstreifen zur\u00fcckzuf\u00fchren war, einen Anspruch auf Schmerzensgeld wegen einer Amtspflichtverletzung (<a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/bgb\/__839.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00a7 839 BGB<\/a> i. V. m. <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/gg\/art_34.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Art. 34 GG<\/a>) rechtfertigen konnte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wie weit reicht die Sicherungspflicht?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das Gericht stand au\u00dfer Frage, dass f\u00fcr Stra\u00dfenbaulasttr\u00e4ger grunds\u00e4tzlich eine Verkehrssicherungspflicht besteht (\u00a7 10 Abs. 4 StrWG SH). Diese geht jedoch nicht so weit, dass sie eine \u201eabsolute Gefahrlosigkeit\u201d garantiert und die Verkehrsteilnehmer ihrer eigenen Sorgfaltspflichten enthebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Da Verkehrsteilnehmer auch eine Selbstverantwortung tragen, kann eine Pflichtverletzung erst dort ansetzen, wo eine Gefahr f\u00fcr einen aufmerksamen Verkehrsteilnehmer \u00fcberraschend eintritt und nicht rechtzeitig erkennbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem erkennbar schlechten Stra\u00dfenzustand, der \u201egleichsam vor sich selbst\u201c warnen kann, muss ein Nutzer die Stra\u00dfe daher so hinnehmen, wie sie sich ihm darbietet, und sein Verhalten entsprechend anpassen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was bedeutete die Offenkundigkeit f\u00fcr den konkreten Fall?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Der Kl\u00e4ger hatte zahlreiche Lichtbilder eingereicht, auf denen zahlreiche Vertiefungen und br\u00fcchige Stellen im Seitenstreifen erkennbar waren. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Gericht schloss daraus, dass der Kl\u00e4ger selbst bei einem mit Wasser gef\u00fcllten Loch bei gebotener Vorsicht erkennen muss, dass der Boden instabil ist. Ein wassergef\u00fclltes Schlagloch darf nicht blindlings als sicher eingestuft werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kam, dass der Kl\u00e4ger bei Dunkelheit und Regen aus einem erh\u00f6hten Fahrzeug mit Trittstufe ausstieg. In einer solchen Situation besteht wiederum eine gesteigerte Sorgfaltspflicht, sodass vor der vollen Belastung des Fu\u00dfes ein \u201eVortasten\u201d zumutbar ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein Seitenstreifen ist keine Fu\u00dfg\u00e4ngerzone<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Das Gericht betonte, dass es keine starren Grenzwerte (z. B. Zentimeterma\u00dfe) gibt. Vielmehr spiele bei der Beurteilung dessen, was als berechtigte Sicherheitserwartung gelten kann, auch die konkrete Art der jeweiligen Fl\u00e4che eine entscheidende Rolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Es leuchtet ein, dass f\u00fcr Seitenstreifen nicht derselbe Schutzstandard gilt wie f\u00fcr eine Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Und w\u00e4hrend Radfahrer auf verkehrswichtigen Stra\u00dfen Schlagl\u00f6cher bis zu einer Tiefe von 5 cm hinnehmen m\u00fcssen, liegt die Grenze f\u00fcr unverz\u00fcgliches Handeln bei PKW-Fahrbahnen oftmals erst bei \u00fcber 15 cm. (OLG Hamm, Urt. v. 13.01.2006, <a href=\"https:\/\/nrwe.justiz.nrw.de\/olgs\/hamm\/j2006\/9_U_143_05urteil20060113.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. 9 U 143\/05<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Grundsatz her haben Stra\u00dfenbenutzer sich den gegebenen Stra\u00dfenverh\u00e4ltnissen anzupassen und die Stra\u00dfe so hinzunehmen, wie sie sich ihnen erkennbar darbietet (z.B. OLG Brandenburg, Beschl. v. 22.01.2024, <a href=\"https:\/\/gerichtsentscheidungen.brandenburg.de\/gerichtsentscheidung\/23887\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. 2 U 15\/23<\/a>; BGH, Urt. v. 21.06.1979, <a href=\"https:\/\/research.wolterskluwer-online.de\/document\/18c77abd-ec83-42dd-ad96-61e97fcd50b6#\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. III ZR 58\/78<\/a>; siehe aber:&nbsp;BGH, Urt. v. 05.07.2012, <a href=\"https:\/\/www.bundesgerichtshof.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/Zivilsenate\/III_ZS\/2011\/III_ZR_240-11.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. III ZR 240\/11<\/a>). <\/p>\n\n\n\n<p>Das OLG Schleswig brachte dies z.B. in einem Beschluss vom 04.08.2017 (<a href=\"https:\/\/openjur.de\/u\/2203817.html\">Az. 7 U 122\/16<\/a>) folgenderma\u00dfen \u00a0auf den Punkt: \u201eDie Verkehrssicherungspflicht dient nicht dazu, das allgemeine Lebensrisiko auf den Sicherungspflichtigen abzuw\u00e4lzen. Eine haftungsbegr\u00fcndende Verkehrssicherungspflicht beginnt grunds\u00e4tzlich erst dort, wo auch f\u00fcr den aufmerksamen Verkehrsteilnehmer eine Gefahrenlage \u00fcberraschend eintritt und nicht rechtzeitig erkennbar ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fazit <\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Existenz eines Schlaglochs allein f\u00fchrt noch nicht zu einem Anspruch gegen\u00fcber dem Tr\u00e4ger der Stra\u00dfenbaulast.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch und gerade im Winter gilt, dass die Amtshaftung des Tr\u00e4gers der Stra\u00dfenbaulast das allgemeine Lebensrisiko nicht auf den Staat abw\u00e4lzen kann. Wer sehenden Auges in eine unebene Fl\u00e4che tritt, kann keinen Schadensersatz verlangen. Die Grenze ist die \u201eunvorhersehbare Gefahr\u201d (s. a. OLG Schleswig, OLG Schleswig, BEschl. v. 04.08.2017, Az. <a href=\"https:\/\/openjur.de\/u\/2203817.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">7 U 122\/16<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Wer nach einem Sturz Schmerzensgeld fordert, muss nachweisen, dass die Schadstelle f\u00fcr einen vorsichtigen Menschen unsichtbar oder v\u00f6llig atypisch war. Bei einer \u201eMondlandschaft\u201c aus L\u00f6chern, bei der die Gefahr offensichtlich ist, kann das derart hoch sein, dass der schlechte Zustand die Gemeinde paradoxerweise sogar von Haftungsanspr\u00fcchen befreit (Mitverschulden, LG K\u00f6ln, <a href=\"https:\/\/nrwe.justiz.nrw.de\/lgs\/koeln\/lg_koeln\/j2007\/5_O_126_07urteil20070807.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. 5 O 126\/07<\/a>).&nbsp; Dabei kann die Beschilderung eine entscheidende Rolle spielen (OLG Brandenburg, Urteil vom 13.02.2007, <a href=\"https:\/\/openjur.de\/u\/274696.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. 2 U 12\/06<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>FAQ <\/strong><\/h2>\n\n\n<div class=\"wp-block-uagb-faq uagb-faq__outer-wrap uagb-block-d08ee67a uagb-faq-icon-row uagb-faq-layout-accordion uagb-faq-expand-first-true uagb-faq-inactive-other-true uagb-faq__wrap uagb-buttons-layout-wrap uagb-faq-equal-height     \" data-faqtoggle=\"true\" role=\"tablist\"><div class=\"wp-block-uagb-faq-child uagb-faq-child__outer-wrap uagb-faq-item uagb-block-04a336da \" role=\"tab\" tabindex=\"0\"><div class=\"uagb-faq-questions-button uagb-faq-questions\">\t\t\t<span class=\"uagb-icon uagb-faq-icon-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t<svg xmlns=\"https:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox= \"0 0 448 512\"><path d=\"M432 256c0 17.69-14.33 32.01-32 32.01H256v144c0 17.69-14.33 31.99-32 31.99s-32-14.3-32-31.99v-144H48c-17.67 0-32-14.32-32-32.01s14.33-31.99 32-31.99H192v-144c0-17.69 14.33-32.01 32-32.01s32 14.32 32 32.01v144h144C417.7 224 432 238.3 432 256z\"><\/path><\/svg>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/span>\n\t\t\t\t\t\t<span class=\"uagb-icon-active uagb-faq-icon-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t<svg xmlns=\"https:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox= \"0 0 448 512\"><path d=\"M400 288h-352c-17.69 0-32-14.32-32-32.01s14.31-31.99 32-31.99h352c17.69 0 32 14.3 32 31.99S417.7 288 400 288z\"><\/path><\/svg>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/span>\n\t\t\t<span class=\"uagb-question\"><strong>Gibt es feste Grenzwerte f\u00fcr die Tiefe von Schlagl\u00f6chern?<\/strong><\/span><\/div><div class=\"uagb-faq-content\"><p>F\u00fcr verkehrswichtige Stra\u00dfen besteht eine Verkehrssicherungspflicht erst ab einer Schlaglochtiefe von etwa 15 cm, auf Autobahnen bereits ab 10 cm. F\u00fcr Nebenstra\u00dfen oder Seitenstreifen gelten h\u00f6here Toleranzen. Radfahrer m\u00fcssen Schlagl\u00f6cher bis zu einer Tiefe von ca. 4 cm hinnehmen, sofern sie erkennbar sind (vgl. OLG Schleswig, Beschl. v. 04.08.2017, <a href=\"https:\/\/openjur.de\/u\/2203817.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. 7 U 122\/16<\/a>).<\/p><\/div><\/div><div class=\"wp-block-uagb-faq-child uagb-faq-child__outer-wrap uagb-faq-item uagb-block- \" role=\"tab\" tabindex=\"0\"><div class=\"uagb-faq-questions-button uagb-faq-questions\">\t\t\t<span class=\"uagb-icon uagb-faq-icon-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t<svg xmlns=\"https:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox= \"0 0 448 512\"><path d=\"M432 256c0 17.69-14.33 32.01-32 32.01H256v144c0 17.69-14.33 31.99-32 31.99s-32-14.3-32-31.99v-144H48c-17.67 0-32-14.32-32-32.01s14.33-31.99 32-31.99H192v-144c0-17.69 14.33-32.01 32-32.01s32 14.32 32 32.01v144h144C417.7 224 432 238.3 432 256z\"><\/path><\/svg>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/span>\n\t\t\t\t\t\t<span class=\"uagb-icon-active uagb-faq-icon-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t<svg xmlns=\"https:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox= \"0 0 448 512\"><path d=\"M400 288h-352c-17.69 0-32-14.32-32-32.01s14.31-31.99 32-31.99h352c17.69 0 32 14.3 32 31.99S417.7 288 400 288z\"><\/path><\/svg>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/span>\n\t\t\t<span class=\"uagb-question\"><strong>Was m\u00fcssen Verkehrsteilnehmer generell beachten?<\/strong><\/span><\/div><div class=\"uagb-faq-content\"><p>Verkehrsteilnehmer m\u00fcssen sich den Stra\u00dfenverh\u00e4ltnissen anpassen und erkennbaren Gefahren ausweichen. Die Verkehrssicherungspflicht verlangt keine absolute Gefahrlosigkeit.  Eigenverantwortung und Aufmerksamkeit sind unverzichtbar.<\/p><\/div><\/div><div class=\"wp-block-uagb-faq-child uagb-faq-child__outer-wrap uagb-faq-item uagb-block-aea57fb9 \" role=\"tab\" tabindex=\"0\"><div class=\"uagb-faq-questions-button uagb-faq-questions\">\t\t\t<span class=\"uagb-icon uagb-faq-icon-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t<svg xmlns=\"https:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox= \"0 0 448 512\"><path d=\"M432 256c0 17.69-14.33 32.01-32 32.01H256v144c0 17.69-14.33 31.99-32 31.99s-32-14.3-32-31.99v-144H48c-17.67 0-32-14.32-32-32.01s14.33-31.99 32-31.99H192v-144c0-17.69 14.33-32.01 32-32.01s32 14.32 32 32.01v144h144C417.7 224 432 238.3 432 256z\"><\/path><\/svg>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/span>\n\t\t\t\t\t\t<span class=\"uagb-icon-active uagb-faq-icon-wrap\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t<svg xmlns=\"https:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" viewBox= \"0 0 448 512\"><path d=\"M400 288h-352c-17.69 0-32-14.32-32-32.01s14.31-31.99 32-31.99h352c17.69 0 32 14.3 32 31.99S417.7 288 400 288z\"><\/path><\/svg>\n\t\t\t\t\t\t\t<\/span>\n\t\t\t<span class=\"uagb-question\"><strong>Wer muss die Verletzung der Verkehrssicherungspflicht beweisen?<\/strong><\/span><\/div><div class=\"uagb-faq-content\"><p>Der Gesch\u00e4digte muss nachweisen, dass die Schadstelle f\u00fcr einen durchschnittlich vorsichtigen Verkehrsteilnehmer nicht erkennbar war und die Gemeinde ihre Sicherungspflichten verletzt hat.<\/p><\/div><\/div><\/div>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Zustand deutscher Stra\u00dfen ist an etlichen Stellen suboptimal. Dies haben offenbar auch die Gerichte in Bezug auf schlaglochbedingte Unf\u00e4lle erkannt, wenn sie feststellen, dass ein offenkundig schlechter Stra\u00dfenzustand warnt in der Regel gleichsam vor sich selbst warnt.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":56168,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_seopress_robots_primary_cat":"none","_seopress_titles_title":"Umgeknickt im Winter: Schlagloch-Unfall vor Gericht","_seopress_titles_desc":"Verantwortung bei Schlagl\u00f6chern: Wann haftet die Gemeinde bei Amtspflichtverletzungen? 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