{"id":57757,"date":"2026-04-29T14:21:14","date_gmt":"2026-04-29T12:21:14","guid":{"rendered":"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/?p=57757"},"modified":"2026-04-29T19:47:40","modified_gmt":"2026-04-29T17:47:40","slug":"bgh-urteil-zur-fiktiven-schadensabrechnung-ein-spaeterer-unfall-mindert-den-anspruch-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/?p=57757","title":{"rendered":"BGH-Urteil zur fiktiven Schadensabrechnung: Ein weiterer Unfall mindert den Anspruch nicht!"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Fall: Zwei Unf\u00e4lle, ein Streit ums Geld<\/h3>\n\n\n\n<p>In dem zugrundeliegenden Sachverhalt hatte die Kl\u00e4gerin (Gesch\u00e4digte) einen Schaden, den ihr Fahrzeug bei einem Unfall erlitten hatte, <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/fiktive-abrechnung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">fiktiv abgerechnet<\/a> und beabsichtigte, das Fahrzeug anschlie\u00dfend zu verkaufen. Vor der Ver\u00e4u\u00dferung ereignete sich jedoch ein zweiter Unfall, f\u00fcr den der Haftpflichtversicherer des neuen Unfallgegners eine Zahlung leistete.<\/p>\n\n\n\n<p>Der f\u00fcr die Entsch\u00e4digung des Erstschadens eintrittspflichtige Versicherer behauptete, die Gesch\u00e4digte m\u00fcsse sich die f\u00fcr den Zweitunfall erhaltene Entsch\u00e4digung im Wege der Vorteilsausgleichung anrechnen lassen. Die Kl\u00e4gerin sah das anders \u2013 und da auch die Instanzgerichte uneinheitliche Auffassungen vertraten, musste schlie\u00dflich der BGH entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Berufungsgericht hatte die Zahlung f\u00fcr den Zweitschaden als Realisierung eines h\u00f6heren <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/restwert\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Restwerts<\/a> gewertet und sie anspruchsmindernd auf den urspr\u00fcnglichen Schadensersatzanspruch angerechnet. Der BGH teilte diese Ansicht nicht und entschied zugunsten der Gesch\u00e4digten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem kann nur zugestimmt werden. Denn eine tats\u00e4chliche Restwertrealisierung liegt nur dann vor, wenn der Gesch\u00e4digte das Fahrzeug tats\u00e4chlich zu einem h\u00f6heren als dem im <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/gutachten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Gutachten<\/a> ermittelten Restwert verkauft. Eine Zahlung des Haftpflichtversicherers im Rahmen eines sp\u00e4teren, eigenst\u00e4ndigen Schadensfalls ist keine solche Realisierung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das weitere Schicksal der Sache ist unerheblich<\/h3>\n\n\n\n<p>Der BGH bekr\u00e4ftigt mit seinem Urteil den Grundsatz, dass das weitere Schicksal der besch\u00e4digten Sache bei der <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/fiktive-abrechnung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">fiktiven Abrechnung<\/a> grunds\u00e4tzlich keine Rolle spielt. Sollte das Fahrzeug sp\u00e4ter erneut besch\u00e4digt werden, ist dies f\u00fcr den Schadensersatzanspruch des Gesch\u00e4digten unerheblich (siehe bereits BGH, Urt. v. 12.03.2009, <a href=\"https:\/\/www.bundesgerichtshof.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/Zivilsenate\/VII_ZS\/2008\/VII_ZR__88-08.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. VII ZR 88\/08<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schadensberechnung nach \u00a7 249 Abs. 2 Satz 1 BGB betreffend f\u00fchrte der BGH aus, dass diese den Wiederbeschaffungsaufwand \u2013 also die Differenz zwischen dem <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/wiederbeschaffungswert\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Wiederbeschaffungswert<\/a> des Fahrzeugs im unbesch\u00e4digten Zustand und dem im Erstgutachten ermittelten <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/restwert\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Restwert<\/a> &#8211; betrifft. Dieser Wert ist bereits mit dem ersten Schadensereignis fixiert und sp\u00e4tere Ver\u00e4nderungen am Fahrzeug k\u00f6nnen daran grunds\u00e4tzlich auch nichts mehr \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kein Vorteilsausgleich ohne ad\u00e4quaten Kausalzusammenhang <\/h3>\n\n\n\n<p>Den im Bereich des Schadensersatzrechts entwickelten Grunds\u00e4tzen zufolge sind dem Gesch\u00e4digten diejenigen Vorteile zuzurechnen, die ihm in ad\u00e4quatem Kausalzusammenhang mit dem Schadensereignis zugeflossen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ziel ist ein gerechter Ausgleich der widerstreitenden Interessen. Als Folge des schadensersatzrechtlichen <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/stichworte\/bereicherungsverbot\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Bereicherungsverbots<\/a> darf ein Gesch\u00e4digter einerseits zwar nicht bessergestellt werden, als er ohne das sch\u00e4digende Ereignis st\u00fcnde.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits sind aber auch nur solche Vorteile anrechenbar, deren Anrechnung mit dem Zweck des Ersatzanspruchs \u00fcbereinstimmt, dem Gesch\u00e4digten zumutbar ist und den Sch\u00e4diger nicht unangemessen entlastet. <\/p>\n\n\n\n<p>Dies bedeutet, dass Vor- und Nachteile bei wertender Betrachtung &#8211; und dem Grundsatz von Treu und Glauben gem\u00e4\u00df <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/bgb\/__242.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00a7 242 BGB<\/a> folgend &#8211; gleichsam zu einer Rechnungseinheit verbunden sein m\u00fcssen (vgl. BGH, Urt. v. 20.07.2021, <a href=\"https:\/\/www.bundesgerichtshof.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/Zivilsenate\/VI_ZS\/2020\/VI_ZR_533-20.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. VI ZR 533\/20<\/a>; v. 27.11.2025, <a href=\"https:\/\/www.bundesgerichtshof.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/Zivilsenate\/VII_ZS\/2024\/VII_ZR_112-24.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. VII ZR 112\/24<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Sch\u00e4den standen in keiner Verbindung zueinander<\/h3>\n\n\n\n<p>Im vorliegenden Sachverhalt fehlte es bereits an einem Zusammenhang zwischen der Besch\u00e4digung des Fahrzeugs der Kl\u00e4gerin durch das herabfallende Garagentor und der Regulierung des sp\u00e4teren Verkehrsunfalls. <\/p>\n\n\n\n<p>Da weder die Schadensf\u00e4lle noch deren Abwicklung &#8211; weder urs\u00e4chlich noch rechtlich &#8211; in irgendeiner Beziehung zueinander standen (vgl. zur Problematik BGH, Urt. v. 12.03.2009, <a href=\"https:\/\/www.bundesgerichtshof.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/Zivilsenate\/VII_ZS\/2008\/VII_ZR__88-08.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. VII ZR 88\/08<\/a>; LG Ellwangen, Urt. v. 14.05.2025, <a href=\"https:\/\/www.landesrecht-bw.de\/bsbw\/document\/NJRE001609525\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. 1 S 94\/24<\/a>) konnte die Regulierung des sp\u00e4teren Verkehrsunfalls daher auch keine Realisierung des im Erstgutachten ermittelten Restwerts darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Anrechnung im Wege der Vorteilsausgleichung schied daher aus. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wirtschaftlichkeitsgebot und Bereicherungsverbot bleiben unangetastet<\/h3>\n\n\n\n<p>Der Grundsatz, dass der Gesch\u00e4digte nicht am Schadensfall verdienen darf (<a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/stichworte\/bereicherungsverbot\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Bereicherungsverbot<\/a>), bleibt durch das Urteil unangetastet. Sollte ein Gesch\u00e4digter \u2013 ohne \u00fcberobligationsm\u00e4\u00dfige Anstrengungen \u2013 beim Verkauf seines Fahrzeugs einen Erl\u00f6s erzielen, der den im Gutachten genannten <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/restwert\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Restwert<\/a> \u00fcbersteigt, ist dieser Mehrerl\u00f6s weiterhin anzurechnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Grunds\u00e4tze gelten insbesondere:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>bei fiktiver Abrechnung nach einem wirtschaftlichen <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/totalschaden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Totalschaden<\/a>,<\/li>\n\n\n\n<li>wenn der Gesch\u00e4digte das Fahrzeug nicht reparieren l\u00e4sst und keine konkrete Ersatzbeschaffung vornimmt,<\/li>\n\n\n\n<li>wenn der Gesch\u00e4digte den Restwert nicht tats\u00e4chlich durch Verkauf oder sonstige Verwertung \u00fcber dem Gutachtenwert realisiert,<\/li>\n\n\n\n<li>sofern das Erstgutachten den <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/restwert\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Restwert<\/a> sachgerecht und marktgerecht bestimmt.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Ein \u201eVerdienen\u201c am ersten Schadensfall liegt daher dann nicht vor, wenn der Mehrerl\u00f6s aus der Regulierung eines eigenst\u00e4ndigen Zweitschadens stammt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im vorliegenden Fall hatte die Kl\u00e4gerin zwar beabsichtigt, das Fahrzeug nach dem ersten <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/unfall-unfallschaden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Unfall<\/a> zu verkaufen, dies aber dann doch nicht getan. Eine Realisierung eines h\u00f6heren Restwerts aus dem ersten Schadensfall fand damit nicht statt. Die Zahlung aus dem zweiten Unfall ist von der Leistung infolge des ersten Unfalls strikt zu trennen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Konsequenz: Aufhebung und Zur\u00fcckverweisung<\/h3>\n\n\n\n<p>Der BGH hob das Berufungsurteil auf und verwies die Sache zur erneuten Entscheidung zur\u00fcck. Die Gesch\u00e4digte kann ihren Schadensersatzanspruch auf Grundlage der urspr\u00fcnglichen Schadensberechnung ungemindert weiterverfolgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entscheidung kn\u00fcpft an eine Reihe einschl\u00e4giger Urteile an: BGH, Urt. v. 19.06.1973, <a href=\"https:\/\/research.wolterskluwer-online.de\/document\/191f3a64-601b-4b73-8313-871b1ec3f933\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. VI ZR 46\/72<\/a>  zur Wahlfreiheit zwischen fiktiver und konkreter Abrechnung; BGH, Urt. v. 05.04.2022, <a href=\"https:\/\/www.bundesgerichtshof.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/Zivilsenate\/VI_ZS\/2021\/VI_ZR___7-21.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. VI ZR 7\/21<\/a> zum Verbot der Kombination beider Methoden sowie BGH, Urt. v. 29.04.2003, <a href=\"https:\/\/www.bundesgerichtshof.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/Zivilsenate\/VI_ZS\/2002\/VI_ZR_393-02.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. VI ZR 393\/02<\/a> zur Nicht-Anrechnung tats\u00e4chlich nicht erzielter Vorteile.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Fazit<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Urteil steht in einer Linie mit der Entscheidung vom 12.03.2009, <a href=\"https:\/\/www.bundesgerichtshof.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/Zivilsenate\/VII_ZS\/2008\/VII_ZR__88-08.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. VII ZR 88\/08<\/a> und schafft Rechtssicherheit f\u00fcr Unfallgesch\u00e4digte, die fiktiv abrechnen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es best\u00e4tigt die eigenst\u00e4ndige Einstandspflicht des Erstsch\u00e4digers auch bei sp\u00e4terer, deckungsgleicher Besch\u00e4digung und Reparatur durch Dritte. Die <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/stichworte\/dispositionsgrundsatz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Dispositionsfreiheit<\/a> des Gesch\u00e4digten bleibt gewahrt. Versicherungsleistungen f\u00fcr einen Zweitschaden f\u00fchren weder zur Tilgung noch zur Anrechnung auf den Anspruch gegen den Erstsch\u00e4diger.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entscheidung st\u00e4rkt die Rechtsposition Gesch\u00e4digter und sorgt f\u00fcr eine klare Abgrenzung der jeweiligen Haftungs- und Versicherungsf\u00e4lle.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Sollten Sie in die Situation geraten, dass der f\u00fcr den Erstschaden entsch\u00e4digungspflichtige Versicherer versuchen sollte, den Ihnen zustehenden Anspruch unter Verweis auf den sp\u00e4teren Schaden zu k\u00fcrzen, <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/kontakt\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">kontaktieren Sie uns<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/voigt-regler\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Voigt regelt.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Unf\u00e4lle, ein dreister Versuch des Versicherers \u2013 und der BGH macht kurzen Prozess: Wer seinen Fahrzeugschaden fiktiv abrechnet, muss sich Zahlungen aus einem sp\u00e4teren, unabh\u00e4ngigen Unfall nicht anrechnen lassen. 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