{"id":7465,"date":"2020-06-26T06:00:00","date_gmt":"2020-06-26T04:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.etl.de\/aktuelles\/wegeunfall-auch-bei-deutlich-laengerer-strecke-als-ueblich\/"},"modified":"2022-11-22T12:20:12","modified_gmt":"2022-11-22T12:20:12","slug":"wegeunfall-auch-bei-deutlich-laengerer-strecke-als-ueblich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/?p=7465","title":{"rendered":"Wegeunfall auch bei deutlich l\u00e4ngerer Strecke als \u00fcblich?"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer auf dem unmittelbaren Weg zur Arbeit oder auf dem R\u00fcckweg nach Hause verunfallt, ist in der Regel \u00fcber die <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/verkehrsrecht\/gesetzliche-unfallversicherung\">gesetzlichen Unfallversicherung<\/a> versichert. Doch was, wenn der Arbeitnehmer zwischen zwei Schichten einen Freund besucht und auf dem &#8211; deutlich l\u00e4ngeren &#8211; Weg zur zweiten Schicht verungl\u00fcckt. Liegt dann noch ein versicherter <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/versicherungsrecht\/wegeunfall\">Wegeunfall<\/a> vor? Mit dieser Frage musste sich das Bundessozialgericht in seinem Urteil vom 30.01.2020 (<a href=\"https:\/\/www.bsg.bund.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/2020\/2020_01_30_B_02_U_20_18_R.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. B 2 U 20\/18 R<\/a>) befassen &#8211; mit einem nicht unbeachtlichen Ergebnis.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der Sachverhalt<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Ein Arbeitnehmer bef\u00f6rderte f\u00fcr eine gemeinn\u00fctzige Gesellschaft Teilnehmer einer Ma\u00dfnahme. Dazu holte er sie morgens zuhause ab und fuhr sie bis 9 Uhr zu der Gesellschaft; nachmittags um 15:30 Uhr holte er sie dort wieder ab, um sie nach Hause zu bringen. Am 14.10.2015 fuhr der Arbeitnehmer nach seiner Vormittagsschicht zu einem Freund, wo er bis zum Nachmittagsdienst aufhielt. Auf dem Weg von der Wohnung des Freundes zur Gesellschaft erlitt er jedoch einen Verkehrsunfall, bei dem er verletzt wurde. Er wandte sich an seine Berufsgenossenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Berufsgenossenschaft lehnte die Anspr\u00fcche des Arbeitnehmers jedoch ab, auch auf den Widerspruch des Gesch\u00e4digten hin. Schlie\u00dflich habe der Arbeitnehmer statt der \u00fcblichen 4,3 Kilometer von seiner Wohnung aus an dem Unfalltag eine Strecke von 15,7 Kilometern von seinem Freund aus zur\u00fcckgelegt. Daher l\u00e4ge kein <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/verkehrsrecht\/wegeunfall\">Wegeunfall<\/a> und somit auch kein Arbeitsunfall vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gesch\u00e4digte zog sodann vor Gericht, scheinbar ohne Erfolg. Das Sozialgericht (SG) Koblenz (Urteil vom 26.09.2017 &#8211; Az. S 15 U 138\/16) und in der Berufungsinstanz das Landessozialgericht (LSG) Rheinland-Pfalz (Urteil vom 07.05.2018 &#8211; <a href=\"https:\/\/www.dguv.de\/uv-recht\/2019\/08_2019\/08_2019_02.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. L 2 U 197\/17<\/a>) lehnten eine Anerkennung als Arbeitsunfall ab. Unter anderem hie\u00df es zur Begr\u00fcndung, dass der Gesch\u00e4digte <q><em>sich zum Zeitpunkt des Unfalls nicht auf einem versicherten Weg befunden [habe], weil die Wegstrecke von seinem Freund zur Arbeitsst\u00e4tte mehr als dreimal so lang wie der Weg von seiner Wohnung zur Arbeitsst\u00e4tte gewesen sei und er bei seinem Freund eigenwirtschaftliche Verrichtungen get\u00e4tigt habe.<\/em><\/q><\/p>\n\n\n\n<p>Und nach der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts <q><em>st\u00fcnden Wege nach dem Ort der T\u00e4tigkeit, die nach rein eigenwirtschaftlichen Verrichtungen von einem sogenannten <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/versicherungsrecht\/dritter-ort\">dritten Ort<\/a> angetreten w\u00fcrden, unter Versicherungsschutz, wenn die L\u00e4nge des Weges in einem angemessenen Verh\u00e4ltnis zu dem \u00fcblicherweise von der Wohnung zur Arbeitsst\u00e4tte zur\u00fcckgelegten Weg st\u00e4nde. Sei der Weg zum oder vom dritten Ort unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig l\u00e4nger als von der Wohnung zum oder vom Ort der T\u00e4tigkeit, werde die erheblich l\u00e4ngere Wegstrecke grunds\u00e4tzlich nicht durch die beabsichtigte oder beendete betriebliche T\u00e4tigkeit gepr\u00e4gt, sondern durch die eigenwirtschaftliche Verrichtung am dritten Ort.<\/em><\/q><\/p>\n\n\n\n<p>Das wollte der Gesch\u00e4digte vom Bundessozialgericht gekl\u00e4rt wissen und legte Revision ein &#8211; mit Erfolg.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Entscheidung des Bundessozialgerichts<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Das Bundessozialgericht sah &#8211; anders als die Instanzen davor &#8211; einen Arbeitsunfall als gegeben an und verurteilte die Berufsgenossenschaft den Unfall als Arbeitsunfall zu behandeln. Hierzu stellte es klar: <q><em>Bei allen (Hin-)Wegen setzt \u00a7<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/sgb_7\/__8.html\" target=\"_blank\"> 8 Abs. 2 Nr. 1 SGB VII<\/a> den Ort der versicherten T\u00e4tigkeit als Zielpunkt fest, l\u00e4sst aber zugleich den Startpunkt offen. Grunds\u00e4tzlich kann deshalb ein versicherter Weg zur Arbeitsst\u00e4tte des <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/sgb_7\/__8.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00a7 8 Abs. 2 Nr. 1 SGB VII <\/a>auch von einem anderen Ort als der Wohnung angetreten werden. Nach der Rechtsprechung des Senats kann eine versicherte T\u00e4tigkeit gem\u00e4\u00df \u00a7<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/sgb_7\/__8.html\" target=\"_blank\"> 8 Abs. 2 Nr. 1 SGB VII<\/a> deshalb auch das Zur\u00fccklegen eines Weges zwischen einem anderen Ort als der Wohnung, dem sogenannten dritten Ort, und der Arbeitsst\u00e4tte sein, ohne dass es dabei darauf ankommt, aus welchen Gr\u00fcnden sich der Versicherte an jenem Ort aufh\u00e4lt und in welchem Verh\u00e4ltnis die Entfernung von dem dritten Ort zum Ort der T\u00e4tigkeit zur Wegstrecke des \u00fcblicher Weise zur\u00fcckgelegten Weges steht (\u0085).Ma\u00dfgebend ist ausschlie\u00dflich, dass die Aufenthaltsdauer an dem dritten Ort die Zeitgrenze von zwei Stunden \u00fcberstieg, was hier der Fall war.<\/em><\/q><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Praxistipp<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Ein Wegeunfall liegt nicht ausschlie\u00dflich auf dem Weg zwischen Wohnung und Arbeitsst\u00e4tte vor. Auch ein sogenannter dritter Ort kann Ausgangspunkt des Arbeitsweges sein. Oftmals kommt es dabei auf die richtige fr\u00fchzeitige Weichenstellung an, wenn der Schaden gemeldet wird. Denn bereits falsche Begrifflichkeiten oder unklare, mehrdeutige Formulierungen k\u00f6nnen einen berechtigten Anspruch gef\u00e4hrden. Die erfahrenen Rechtsanw\u00e4lte der ETL Kanzlei Voigt stehen Ihnen gerne zur Seite. Voigt regelt!<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\">Bildnachweis: Skitterphoto \/ Pixabay<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer auf dem unmittelbaren Weg zur Arbeit oder auf dem R\u00fcckweg nach Hause verunfallt, ist in der Regel \u00fcber die gesetzlichen Unfallversicherung versichert. Doch was, wenn der Arbeitnehmer zwischen zwei Schichten einen Freund besucht und auf dem &#8211; deutlich l\u00e4ngeren &#8211; Weg zur zweiten Schicht verungl\u00fcckt. 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