{"id":9225,"date":"2018-11-08T06:00:00","date_gmt":"2018-11-08T04:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.etl.de\/aktuelles\/taggenaue-berechnung-des-schmerzensgeldes\/"},"modified":"2022-08-29T09:17:46","modified_gmt":"2022-08-29T09:17:46","slug":"taggenaue-berechnung-des-schmerzensgeldes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/?p=9225","title":{"rendered":"Taggenaue Berechnung des Schmerzensgeldes"},"content":{"rendered":"<p style=\"margin-left:0cm; margin-right:0cm; text-align:justify\">Wer bei einem Schadensereignis verletzt worden ist, kann nach \u00a7 253 BGB vom Sch\u00e4diger und gegebenenfalls von dessen Versicherung eine <q>billige Entsch\u00e4digung in Geld<\/q>, also ein angemessenes <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/verkehrsrecht\/schmerzensgeld\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Schmerzensgeld <\/a>verlangen. Was im Einzelfall angemessen ist, wird in der Praxis regelm\u00e4\u00dfig anhand von Schmerzensgeldtabellen &#8211; das sind Sammlungen von Schmerzensgeldentscheidungen anderer Gerichte &#8211; bewertet und bemessen.<\/p>\n<p style=\"margin-left:0cm; margin-right:0cm; text-align:justify\">Das Oberlandesgericht Frankfurt geht einen anderen Weg und berechnet als erstes deutsches Gericht das Schmerzensgeld anhand einer taggenauen Berechnungsmethode.<\/p>\n<p style=\"margin-left:0cm; margin-right:0cm; text-align:justify\"><strong>Der Sachverhalt<\/strong><\/p>\n<p style=\"margin-left:0cm; margin-right:0cm; text-align:justify\">Der klagende Motorradfahrer kollidierte unverschuldet mit einem Pkw, dessen Fahrer auf der Stra\u00dfe hatte wenden wollen, und erlitt erhebliche Verletzungen &#8211; unter anderem einen komplizierten Unterarmbruch, der zu einer Arbeitsunf\u00e4higkeit von \u00fcber vier Monaten f\u00fchrte.<\/p>\n<p style=\"margin-left:0cm; margin-right:0cm; text-align:justify\">Das von der Versicherung des PKW-Fahrers gezahlte Schmerzensgeld von 5.000,00 Euro empfand der Motorradfahrer als nicht ausreichend und klagte vor dem Landgericht Darmstadt (Urteil vom 08.03.2016 &#8211; Az.: 13 O 129\/15), das ihm ein Schmerzensgeld von 10.500,00 Euro zusprach.<\/p>\n<p style=\"margin-left:0cm; margin-right:0cm; text-align:justify\">Gegen dieses Urteil legte die beklagte Versicherung schlie\u00dflich Berufung beim Oberlandesgericht Frankfurt ein und begehrte die vollst\u00e4ndige Abweisung der Klage.<\/p>\n<p style=\"margin-left:0cm; margin-right:0cm; text-align:justify\"><strong>Die Entscheidung des Oberlandesgerichts Frankfurt<\/strong><\/p>\n<p style=\"margin-left:0cm; margin-right:0cm; text-align:justify\">Das Oberlandesgericht berechnete das Schmerzensgeld des klagenden Motorradfahrers anhand einer taggenauen Methodik und verurteilte den PKW Fahrer und seine Versicherung u.a. zur Zahlung eines Schmerzensgeldes von 11.000,00 Euro.<\/p>\n<p style=\"margin-left:0cm; margin-right:0cm; text-align:justify\">Tabellenm\u00e4\u00dfig erfasste Schmerzensgeldentscheidungen anderer Gerichte seien als Ma\u00dfstab oder Begrenzung f\u00fcr die Ermittlung eines &#8220;angemessenen Schmerzensgeldes nicht geeignet. Im Vordergrund stehe bei der Bemessung des zu sch\u00e4tzenden Betrages vielmehr der jeweilige Einzelfall. Angemessener sei eine taggenaue Berechnung, die in Zeitabschnitten die unterschiedlichen Behandlungsarten und Schadenfolgen ber\u00fccksichtige. Durch die gr\u00f6\u00dfere Bedeutung des Zeitmoments k\u00f6nnten bei langfristigen Verletzungsfolgen und Beeintr\u00e4chtigungen deutlich h\u00f6here Schmerzensgelder, bei geringen Beeintr\u00e4chtigungen auch deutlich verminderte Betr\u00e4ge als nach der bisherigen Bemessungspraxis zugesprochen werden.<\/p>\n<p style=\"margin-left:0cm; margin-right:0cm; text-align:justify\">Das Urteil ist noch nicht rechtskr\u00e4ftig.<\/p>\n<p style=\"margin-left:0cm; margin-right:0cm; text-align:justify\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p style=\"margin-left:0cm; margin-right:0cm; text-align:justify\">Der BGH hat im Zusammenhang mit der Bewertung der Angemessenheit von Schmerzensgeldanspr\u00fcchen in seiner Grundsatzentscheidung vorgegeben, dass bei den unter dem Gesichtspunkt der Billigkeit und Angemessenheit zu ber\u00fccksichtigen Umst\u00e4nden die R\u00fccksicht auf Gr\u00f6\u00dfe, Heftigkeit und Dauer der Schmerzen und Leiden stets das ausschlaggebende Moment zu bilden habe. Der angerichtete immaterielle Schaden, die Lebensbeeintr\u00e4chtigung, stehe im Verh\u00e4ltnis zu den anderen zu ber\u00fccksichtigenden Umst\u00e4nden bei der Bemessung des angemessenen Schmerzensgeldes immer an der Spitze (BGH, Beschluss vom 6.7.1955 &#8211; GSZ 1\/55). Dass sich diese Bemessung an vergleichbaren Entscheidungen orientiert, hat der BGH ausdr\u00fccklich eingefordert; da immaterielle Sch\u00e4den in Geld nicht unmittelbar messbar seien, m\u00fcssten die durch \u00dcbereinkunft der Rechtsprechung bisher gewonnenen Ma\u00dfst\u00e4be den Ausgangspunkt f\u00fcr die tatrichterlichen Erw\u00e4gungen zur Schmerzensgeldbemessung bilden (BGH, Urteil vom 18.11.1969 &#8211; VI ZR 81\/68).<\/p>\n<p style=\"margin-left:0cm; margin-right:0cm; text-align:justify\">Das OLG Frankfurt geht demgegen\u00fcber einen anderen Weg. Ob diese taggenaue Berechnungsweise Einzug in die Regulierungspraxis finden kann, muss die Zukunft zeigen. Gleichwohl ist das OLG-Urteil beachtenswert, denn es liefert nachvollziehbare Kriterien, die eine Vergleichbarkeit und \u00dcberpr\u00fcfbarkeit von Schmerzensgeldentscheidungen untereinander herstellen und die vom BGH vorgegebenen Parameter mit konkreten Inhalten versehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"margin-left:0cm; margin-right:0cm; text-align:justify\">Insoweit wird das Urteil gerade im Bereich der Personengro\u00dfsch\u00e4den ein wichtiges Hilfsmittel zur Ermittlung eines (wirklich) angemessenen Schmerzensgeldes bei schwerwiegenden und dauerhaften Verletzungsfolgen darstellen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer bei einem Schadensereignis verletzt worden ist, kann nach \u00a7 253 BGB vom Sch\u00e4diger und gegebenenfalls von dessen Versicherung eine billige Entsch\u00e4digung in Geld, also ein angemessenes Schmerzensgeld verlangen. 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