{"id":9373,"date":"2023-10-18T06:30:00","date_gmt":"2023-10-18T04:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www2.etl.de\/aktuelles\/busfahrer-muessen-nicht-immer-warten\/"},"modified":"2026-04-07T16:49:47","modified_gmt":"2026-04-07T14:49:47","slug":"busfahrer-muessen-nicht-immer-warten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/?p=9373","title":{"rendered":"Wer haftet bei St\u00fcrzen in Linienbussen?"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Das Oberlandesgericht (OLG) Schleswig hatte mit Urteil vom <strong>25.04.2023<\/strong> dar\u00fcber zu entscheiden, ob und in welchem Umfang der Halter eines Linienbusses f\u00fcr Verletzungen eines Fahrgastes haftet, der infolge einer Bremsung im Bus zu Fall gekommen war(<a href=\"https:\/\/www.gesetze-rechtsprechung.sh.juris.de\/bssh\/document\/JURE230046703\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.gesetze-rechtsprechung.sh.juris.de\/bssh\/document\/JURE230046703\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. 7 U 125\/22<\/a>). <\/p>\n\n\n\n<p>Die Besonderheit des Sachverhalts bestand in der scharfen, die der Busfahrer durchf\u00fchren musste, um den Zusammensto\u00df mit einer &#8211; erst im letzten Moment wahrgenommenen &#8211; Fu\u00dfg\u00e4ngerin zu vermeiden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das Ergebnis war eindeutig &#8211; an und f\u00fcr sich<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Nach den Leits\u00e4tzen der Entscheidung verdr\u00e4ngt das <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/mitverschulden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Eigenverschulden<\/a> eines Fahrgastes, der sich nicht ordnungsgem\u00e4\u00df festh\u00e4lt, grunds\u00e4tzlich die <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/gefaehrdungshaftung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Gef\u00e4hrdungshaftung<\/a> aus einfacher <a href=\"https:\/\/voigt-alte-seite.dgwip.de\/stichworte\/unfallschadenregulierung\/betriebsgefahr\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Betriebsgefahr <\/a>vollst\u00e4ndig.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder Fahrgast ist selbst daf\u00fcr verantwortlich, sich so zu verhalten, dass er durch typische und vorhersehbare Fahrbewegungen eines Linienbusses nicht zu Fall kommt. Im innerst\u00e4dtischen Verkehr sei jederzeit mit pl\u00f6tzlichen Bremsman\u00f6vern zu rechnen, was bei der Wahl geeigneter Sicherheitsvorkehrungen \u2013 insbesondere beim Festhalten \u2013 zu ber\u00fccksichtigen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit scheint die Rechtslage auf den ersten Blick klar. Allerdings gilt auch hier:<br>\u201eGrunds\u00e4tzlich\u201c bedeutet nicht \u201eausnahmslos\u201c, und eine einfache L\u00f6sung gibt es bei Fahrgastunf\u00e4llen selten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>M\u00fcssen Busfahrer warten, bis zugestiegene Fahrg\u00e4ste sitzen?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>So hatte sich Jahr 2013 z.B. bereits das Landgericht (LG) Wuppertal (Urt. v. 15.07.2013, <a href=\"http:\/\/www.justiz.nrw.de\/nrwe\/lgs\/wuppertal\/lg_wuppertal\/j2013\/2_O_58_13_Urteil_20130715.html\" data-type=\"link\" data-id=\"http:\/\/www.justiz.nrw.de\/nrwe\/lgs\/wuppertal\/lg_wuppertal\/j2013\/2_O_58_13_Urteil_20130715.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. 2 O 58\/13<\/a>) mit der &#8220;Wartepflicht&#8221; von Busfahrern auseinanderzusetzen. Bezug nehmend auf ein Urteil des BGH vom 01.12.1992 (Az. VI ZR 27\/92) kam es dabei zu dem Schluss, einen Fahrgast treffe bei einem Sturz ein ganz \u00fcberwiegendes Eigenverschulden, <\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;<em><q>wenn er nach dem Einsteigen in einen Linienbus nicht einen der n\u00e4chsten freien Sitzpl\u00e4tze besetzt oder sich auf andere Weise einen sicheren Halt verschafft.<\/q><\/em>&#8221; <\/p>\n\n\n\n<p>Das Amtsgericht M\u00fcnchen hatte &#8211; in einer vergleichbaren Konstellation &#8211; best\u00e4tigend festgestellt, <em>&#8220;Nach der herrschenden Rechtsprechung ist ein Busfahrer nicht verpflichtet, vor jedem T\u00fcrschluss zu pr\u00fcfen, ob alle Fahrg\u00e4ste sicheren Halt gefunden haben; eine solche Pflicht entsteht nur bei erkennbaren erheblichen Behinderungen des Fahrgastes&#8221;<\/em> (AG M\u00fcnchen, Urt. v. 30.10.2025, Az. 191 C 991\/25).<\/p>\n\n\n\n<p>Die prim\u00e4re Aufgabe des Busfahrers bestehe darin, sich um den \u00e4u\u00dferen Verkehr zu k\u00fcmmern. In Bezug auf einzelne Personen m\u00fcsse er sich vor dem Anfahren nur dann vergewissern, ob diese Platz oder Halt im Wagen gefunden h\u00e4tten, wenn sich z.B. aufgrund einer erkennbaren schwere Behinderung die \u00dcberlegung aufdr\u00e4nge, diese werde beim Anfahren st\u00fcrzen. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Haftung aus Betriebsgefahr &#8211; nicht zwingend<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund \u00fcberrascht es nicht, dass auch das OLG Celle die Haftung aus Betriebsgefahr nach einem Fahrgaststurz abgelehnt hatte (OLG Celle, Beschl. v. 26.06.2018, <a href=\"https:\/\/voris.wolterskluwer-online.de\/browse\/document\/b3da641d-7976-47b9-a2d5-89b58abc233e\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/voris.wolterskluwer-online.de\/browse\/document\/b3da641d-7976-47b9-a2d5-89b58abc233e\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. 14 U 70\/18<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p>Anders als die Vorinstanz (LG L\u00fcneburg, Urt. v. 05.03.2018, Az. 1 O 65\/17) hatte es die Auffassung vertreten, der F\u00fchrer eines Kraftfahrzeugs hafte lediglich f\u00fcr vermutetes Verschulden nach <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/stvg\/__18.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/stvg\/__18.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00a7 18 StVG<\/a> oder f\u00fcr nachzuweisendes Fehlverhalten nach <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/bgb\/__823.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/bgb\/__823.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00a7 823 BGB<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das OLG Schleswig wies die Verantwortung daf\u00fcr, durch vorhersehbare Fahrbewegungen nicht zu st\u00fcrzen, grunds\u00e4tzlich dem Fahrgast zu. Dazu geh\u00f6rt unter anderem, bei bereits bet\u00e4tigtem Haltewunsch <strong>bis zum vollst\u00e4ndigen Erreichen der Haltestelle sitzen zu bleiben<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Stehende Fahrg\u00e4ste \u2013 insbesondere im fortgeschrittenen Alter \u2013 m\u00fcssen sich <strong>mit beiden H\u00e4nden<\/strong> an Haltestangen oder Haltegriffen festhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies gilt gleicherma\u00dfen f\u00fcr den <strong>Anfahrvorgang<\/strong>, der als besonders gefahrentr\u00e4chtig anzusehen ist. In dieser Situation tritt die Betriebsgefahr des Fahrzeugs regelm\u00e4\u00dfig hinter das Eigenverschulden des Fahrgastes zur\u00fcck, wenn dieser sich keinen sicheren Halt verschafft hat (Urt. v. 17.02.2017, <a href=\"http:\/\/www.justiz.nrw.de\/nrwe\/olgs\/hamm\/j2017\/11_U_21_16_Urteil_20170217.html\" data-type=\"link\" data-id=\"http:\/\/www.justiz.nrw.de\/nrwe\/olgs\/hamm\/j2017\/11_U_21_16_Urteil_20170217.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Az. 11 U 21\/16<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Keine Regel ohne Ausnahme<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Etwas anderes gilt, wenn sich dem Fahrer aufgrund \u00e4u\u00dferlich erkennbarer Umst\u00e4nde aufdr\u00e4ngen muss, dass der Fahrgast beim Anfahren st\u00fcrzen k\u00f6nnte \u2013 etwa wegen einer <strong>schwerwiegenden, offensichtlichen Behinderung<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p>Allein hohes Alter, das Mitf\u00fchren eines Einkaufstrolleys oder der Besitz eines Schwerbehindertenausweises reichen hierf\u00fcr jedoch nicht aus. Erforderlich sind <strong>objektiv erkennbare Anhaltspunkte<\/strong>, die eine \u00fcber das verkehrserforderliche Ma\u00df hinausgehende Sorgfaltspflicht begr\u00fcnden (OLG M\u00fcnchen, Urt. v. 11.05.2007, Az. <strong>10 U 4405\/06<\/strong>).<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Umst\u00e4nde k\u00f6nnen etwa bei <strong>erkennbar gehbehinderten oder blinden Personen<\/strong> vorliegen (vgl. OLG Stuttgart, Urt. v. 22.07.1970, Az. 1 U 62\/70; OLG K\u00f6ln, Urt. v. 20.07.1990, Az. 11 U 17\/90).<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Praxistipp<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Enge Taktungen und unvorhergesehene Verz\u00f6gerungen stellen an das Fahrpersonal nicht selten erh\u00f6hte Anforderungen, wenn es um die Einhaltung der Fahrpl\u00e4ne geht. Wer mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, sollte sich daher nicht darauf verlassen, sich dieses werde sich erst in Bewegung setzen, nachdem man seinen Platz eingenommen hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Enge Taktungen und unvorhergesehene Verz\u00f6gerungen stellen im Linienverkehr h\u00e4ufig hohe Anforderungen an das Fahrpersonal. Fahrg\u00e4ste sollten daher <strong>nicht darauf vertrauen<\/strong>, dass der Bus erst nach dem Hinsetzen oder vollst\u00e4ndigen Festhalten anf\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Fall des OLG Schleswig kam es letztlich zu einer <strong>h\u00e4lftigen Schadensteilung<\/strong>. Ausschlaggebend waren dabei sowohl das fehlende ordnungsgem\u00e4\u00dfe Festhalten des Fahrgastes als auch eine <strong>schuldhaft eingeleitete Notbremsung<\/strong> des Fahrers.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie so oft entscheidet auch hier der <strong>Einzelfall<\/strong>. Wer bei der Benutzung \u00f6ffentlicher Verkehrsmittel zu Schaden kommt, sollte daher nicht vorschnell auf m\u00f6gliche Anspr\u00fcche verzichten, sondern <strong>fr\u00fchzeitig anwaltlichen Rat<\/strong> einholen.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\">Bildnachweis: Mario Venzlaff \/ Pixabay<br>Aktualisiert am 07.04.2026<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln kommen Fahrg\u00e4ste  immer wieder zu Fall und verletzen sich. 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